Prof. Dr. Erich Franz

Text zur Ausstellung "die Durchlässigkeit der Dinge", Kunstverein Lippstadt 2019

Sind es Skulpturen, die Bettina Briesenick Becker ausstellt? Man sieht Körper, die oft in länglicher Form ein leeres Inneres umhüllen, ähnlich wie bei einem Kokon, in dem sich eine Raupe eingesponnen hat, um sich in einen Schmetterling zu verwandeln. Die Gebilde haben also ein plastisches Volumen, oft ungefähr in der Größe eines menschlichen Körpers, aber sie haben kein Gesicht, sie schweben! Sie sind extrem leicht und werden von fast unsichtbaren Nylonfäden im Raum gehalten. Ihre weiße Außenhaut schließt sie nicht ab, sondern bewegt sich in farbigen Wellen um ihr leeres Inneres herum. Überall verdünnt sich die Haut und reißt auf, so dass man ins Innere blicken kann. Auch das Licht durchdringt die Körper. An ihren verschatteten Partien scheint von innen her ein sanftes Licht zu schimmern. Nach außen wölben sich wellenförmige Verdichtungen vor, in rundlichen Ausbuchtung oder auch in fast linearen Verläufen, die manchmal spitz in den Raum ragen wie Spritzer oder einzelne Federn. Die weißen Umhüllungen bilden keine Grenze, sie bewegen sich wie lockere Pinselstriche, die in räumlichen Biegungen- ohne Untergrund und auch ohne Farbe -ineinander fließen und sich voneinander lösen.

Bettina Briesenick Becker bezeichnet ihr Material als „Cotonage“. Sie bildet den Modellierstoff aus Baumwollfäden und halb flüssiger Masse. Sie kann damit modellieren, ohne den offenen Raum auszuschließen. Der reale Raum und das reale Licht fließen durch die Gebilde hindurch. Die „Skulpturen“ lösen sich als Körper auf und werden zu Bestandteilen des Raumes. Sie ergeben keine „Installation“, die aus eingefügten Objekten besteht, sondern sie bringen - so könnte man vielleicht sagen - die Wahrnehmung des Raumes zum Schwingen. Die durchlässigen Gebildet bringen auch die Ausdehnungen und Winkel des Raumes ins Bewusstsein, seine Lichtverhältnisse und seine Atmosphäre. Die Gebilde sind ja nicht weiß, sie sind sanft durchzogen von den aktuellen Farben des Raumes, in dem wir stehen.

Wir schweifen also mit unserem Bewusstsein von einem Gebilde zum anderen, wandern an ihnen entlang und nisten uns vorübergehend in ihnen ein. Bettina Briesenick-Becker nennt sie „sichere Orte“. Vielleicht erscheinen sie ein wenig sicherer als ihre Umgebung. Die Gebilde schwanken und drehen sich langsam im Luftzug, schweben höher oder niedriger, drängen sich dort etwas mehr zusammen und treten hier auseinander, um den Raum zwischen ihnen noch mehr hereinzulassen. Das Licht, das nie statisch ist, nimmt Anteil an diesem ebenso verschwiegenen die vielsagenden Theater. Ein Theater, dass sich in der Sensibilität des Betrachtenden auf unterschiedliche Weise ereignet.

Bettina Briesenick-Becker „malt“ nicht nur mit „weißen“ faserigen Verläufen, die sich um eine Leere runden. Sie „zeichnet“ auch im offenen Raum mit wirbelnden „weißen“ Linien, deren lockeres Geflecht sich dehnt oder zusammenballt oder durch den Raum zieht.

 Dieses Sich-Auflösen, diese Selbstzurücknahme, diese Durchlässigkeit: wie passt das in unsere Realität? Als Gegenfrage könnte man stellen: Wie passt Abgeschlossenheit in unsere Welt, ein Trennen zwischen Innen und Außen? Atmen wir Menschen nicht? Leben wir nicht im ständigen Austausch mit unserer Umwelt? Erfahren und verstehen wir den anderen, die Natur, das Geschehen um uns herum nicht vor allem durch Anteilnahme? Die Glaubhaftigkeit dieser Werke entsteht aus ihrer Ambiguität, aus ihrer ebenso sensiblen wie unausweichlichen Zusammenführung von Innen und Außen. Klare Grenzen würden klare Unterscheidung ergeben - oft allzu klare: dies gehört dazu, jenes nicht. „Bettina Briesenick Becker - die Durchlässigkeit der Dinge“  ist daher auch eine sehr politische Ausstellung“.

Erich Franz

 

Rebekka Schulte
Der Abfall, die Schatten, das Dazwischen und das Anderswo zur Ausstellung "anderswo" 2017

Weiße Bahnen und ebenso Leiber auf einem Ständer. Es scheint als habe man sich ihrer entledigt, über den Haufen geworfen. Stumm berichtend steht er da in allen Varianten von Weiß, in der Verdichtung der Schichten, ein Ständer voller Lappen und Fetzen, eindrucksvoll und erzählt von dem, was gewesen ist. Wenngleich eine farbliche Nähe besteht, setzt sich die erworbene Skulptur sensibel genau in ihrer Struktur von der Architektur des Raumes ab.


Roland Barthes (2015) schreibt, dass das Wesen einer Hose sicherlich nicht in dem gestärkten und geradlinigen Gegenstand auf den Kleiderbügeln in den Kaufhäusern zu suchen ist, sondern in dem Knäuel, was achtlos aus der Hand geworfen wird, wenn man sich erschöpft, träge und nachlässig entkleidet. Das Wesen eines Gegenstandes hat etwas mit seinem Abfall zu tun. Und so entspinnen sich die Wahrheiten und Geschichten aus dem, was übrig bleibt. Aus dem Gewirr und dem vagen Ahnen und Andeuten in ihren Haufen am Boden, über dem Ständer, in der Ecke. Und weiter mit Roland Barthes: „Nun schließt das Vage paradoxerweise alle Rätselhaftigkeit aus; das Vage passt nicht zum Tod; das Vage ist lebendig.“


Weiße Gewänder hängen in der Flucht. Verändern den Blick. Bestimmen den Gang. Strecken sich entgegen, bieten sich an. Je nach Standpunkt, eine anderes Sehen. Der Raum löst sich auf. Grenzen verschwimmen. Je nach Licht eine andere Wirkung. Mit der Zeit eine Veränderung im Material, es ist nicht abzuwenden. Dieser Prozess. Schattenwürfe, die den Raum erweitern, als Verweis auf den Dualismus des Lebens. Dazwischen das Sein, was sich entspinnt in nicht enden wollender facettenreicher Weiß- und Graufarbigkeit.


Bettina Briesenick-Becker arbeitet am Thema der Gleichzeitigkeit vom Feinen und Groben, von der Leichtigkeit und der Schwere, von Vergänglichkeit und dem was bleibt.
Hast du das gesehen? Hast du dich bewegt? Nichts ist sicher. Nichts bleibt wie es ist. Soviel ist schmerzhaft gewiss. Es dreht und wendet sich das Blatt. In einem Moment die Wahrnehmung eines Kleides: Haute Couture, eine Wahrnehmung, die sich im nächsten Moment bricht und sperrig zeigt. Da meint man das Rückgrat bricht.


Oder Adorno zufolge sei ein Kunstwerk nicht von der Ästhetik als hermeneutische Objekte zu begreifen; zu begreifen wäre, […], ihre Unbegreiflichkeit. […] Dies mache die ästhetische Erfahrung vom Objekt her aus, in dem Augenblick, in dem die Kunstwerke unter dem Blick des Betrachters lebendig werden. (vgl. Adorno 1973)


Als wäre es möglich sich seiner Leiblichkeit zu entledigen sind dort welche, wie in einer Art Kaue, unter die Decke gezogen worden. Zur Höhe hin, tänzelnd leicht und doch dramatisch, fast schmerzhaft. Nach einem harten Tag Arbeit, vielleicht. Ich spinne!
Als wäre es möglich, sich seine erste Haut abzustreifen, in der man steckt. Die zweite ist die Kleidung, das hatten wir eben noch. So hängen sie da, diese Leiber, leibhaftig; in dieser Flucht des Flures und streben nach oben und zur Seite, oder weg. Wo ist weg? Formen und Figuren, die in ihrer Hülle eine Fülle erahnen lassen, denn das dazwischen wird zum Thema. Die Lücke. Alles was wir sehen ist ein Verweis auf das, was wir nicht sehen.

Das Werk ist begehbar, ich kann mich ihm nähern und mir mittendrin das Dazwischen erschließen. Und dann entschwinden sie empor, in ein anderswo. Anderswo ist ganz klar überall dort, wo ich nicht bin. Ganz klar. Anderswo. Wo ist woanders? Das ist nicht wichtig.


Es geht also um das Dazwischen; um das, was wäre gewesen, um das Daneben, um das Ahnen und das Vage. Diese Zwischenräume. Transit. Wo etwas endet und noch nichts neues begonnen hat. Das Zweifeln und nicht wissen. Das zaudern und Hadern. Dem Wünschen und dem Sehnen und nie loslassen und enden wollen. Die Liebe und die Sehnsucht als treibender Motor. Romantik, nicht wahr?!
Niemand kann dieses dazwischen konkret benennen und doch wissen alle, dass es genau dies ist, was das Leben bestimmt, klar, oder? Man sagt, man habe etwas hinein verlegt, wenn von der Projektion gesprochen wird. Manchmal wiegt die Erinnerung bleischwer und scheint doch zu verblassen. Gespenstisch zeigt es sich im Raume. Anwesend ohne Anwesenheit. Die Erinnerung ist subjektiv und verändert sich, im Laufe der Jahre.


So ist es mit der Erinnerung. Und ist die Dauer der Aufbewahrung und des Sammelns nicht ein Verweis auf die Bedeutung und die Wertschätzung einer jener Begegnung?
Und so fädelt Bettina Briesenick-Becker die Erinnerungen aus dem perfekten Abfall, diesen Zufallstropfen, auf. Transformiert sie im Raum und spinnt Geschichte alt und neu, ein paar Tropfen, wie Tränen, bleiben hängen. Romantisch, nicht wahr? Wenn das Gesehnte doch Erfüllung bekommen würde, so wäre es: tot. Aber, dass es nie so kam, dass alles endlich ist, eine Ent-Täuschung. So leicht kommt es eben doch nicht daher, so weiß und rein.


Und als wir so sprachen über die Liebe, das Sehnen und die Kunst kamen wir auf:
Eine verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau

von
François Villon 1431-1464 , aus: „Die lasterhaften Balladen des François Villon“
in einer Nachdichtung von Paul Zech


Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.
[…]


Im Wintertal, im schwarzen Beerenkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei,
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
...ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!


Und dann ganz untröstlich begegnen wir der eigenen Kreatur! Begegnen ihr von Angesicht zu Angesicht. Tröstlich.

Und Bettina sagt: Wir sehen uns selbst gerne fein, gut, transparent. Das Andere, das Fremde in mir, erscheint uns dunkel, wild und grob.